Wenn alles zu viel wird

Die Arbeit einer Babylotsin kann auch nach der Geburt vielschichtig sein, wie der folgende Fall aus der ambulanten Praxis zeigt: Eine Mutter mit vier Kindern ist akut überfordert, erhält eine schwerwiegende Diagnose für sich und eines ihrer Kinder und bürokratische Ansprüche fordern die junge Familie zusätzlich.

Erhöhter Beratungsbedarf liegt vor
Im Rahmen der U-Untersuchungen ihres Neugeborenen fällt die Mutter in der Kinderarztpraxis auf. Sie wirkt erschöpft und weint. Die in der Kinderarztpraxis tätige, speziell geschulte medizinische Fachangestellte (MFA) nimmt sich der Frau an und spricht mit ihr über ihre Situation. Schnell wird klar: hier liegt ein erhöhter Beratungsbedarf vor. Mit Einverständnis der Mutter stellt die MFA den Kontakt zur zuständigen Babylotsin her.

Der familiäre Alltag als Belastung
Die Mutter ist mit ihrem Ehemann vor acht Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Gemeinsam haben sie einen Sohn, 7 Jahre alt, der eine starke körperliche und geistige Behinderung hat und im Rollstuhl sitzt. Außerdem haben sie drei Töchter im Alter von 6 und 4 Jahren und 3 Monaten. Die letzte Schwangerschaft war ungeplant und ein Schock für die Mutter. Den Alltag mit vier Kindern zu meistern ist für sie schwer vorstellbar. Besonders die Wochenenden, an denen ihr ältester Sohn nicht betreut wird, bereiten ihr Sorgen. Bereits in der Schwangerschaft wird bei der Mutter eine schwere Depression festgestellt. Nach der Geburt ist sie körperlich und emotional erschöpft, distanziert zu ihrem Kind und mit der Strukturierung des Alltags überfordert. Für die bevorstehenden Herbstferien ist die Betreuung der älteren Kinder noch nicht geklärt. Auch Anträge auf Kinder- und Elterngeld hat sie nicht gestellt.

Vor Ort hat die Familie kaum soziale Kontakte. Ihre Verwandten leben in Afghanistan. Ein entfernter Onkel kann nur sporadisch helfen. Der Vater ist vollberufstätig und arbeitet oft an den Wochenenden. Es gibt keine Freunde und Bekannte, die die Familie unterstützen können.

Erste Schritte mit der Babylotsin
Zunächst muss die Mutter direkt entlastet werden. Die Babylotsin erarbeitet gemeinsam mit ihr Wege, um im Alltag eine Entlastung für die Familie zu finden. Die Bindung von Mutter und Neugeborenem ist durch die komplexe Problemlage belastet und muss gestärkt werden. Zudem benötigt die Mutter eine wohnortnahe, kontinuierliche Beratungsmöglichkeit, die bei sozialrechtlichen Fragen und Anträgen unterstützt.

Die Babylotsin organisiert für die älteren Töchter eine Ferienbetreuung in der Nähe des Wohnortes. Eine Stiftung übernimmt außerdem eine Lesepatenschaft für die beiden Mädchen, um die Familie unter der Woche zusätzliche zu entlasten. In einem Gespräch mit dem Träger der Hilfe für Menschen mit Behinderung, der für den Sohn zuständig ist, wird die Familie über ihre Rechte und Möglichkeiten der Ferien- und Wochenendbetreuung ihres Sohnes aufgeklärt.

Über die Elternschule findet die Babylotsin eine Ehrenamtliche, die die Familie im ersten Lebensjahr des Neugeborenen wöchentlich unterstützt. Um die Mutter für ihre Aufgaben zu stärken, hilft die Babylotsin bei der Suche nach einem Therapieplatz in ihrer Region. Zusätzlich begleitet sie Mutter und Neugeborenes in das offene Angebot der Elternschule, wo sich die Mutter für einen Rückbildungskurs mit Kind anmeldet, sowie zu einer wohnortnahen sozialrechtlichen Beratungsstelle der AWO. Dank dieser Einrichtungen kann die Mutter zukünftig soziale Kontakte zu anderen Eltern knüpfen und bei Anträgen und Fragen unterstützt werden.

Gemeinsam kontaktieren Mutter und Babylotsin die betreuende Krankenkasse der Familie und suchen außerdem den Gesundheitskiosk auf, der die Familie bei der Beantragung einer Mutter-Kind-Kur unterstützt.

Einen Lotsen an der Seite
In dieser Situation mit unterschiedlichen komplexen familiären Belastungen hilft es, wenn jemand den Überblick behält. Jemand, mit dem man gemeinsam einen Fahrplan entwickelt, der einen durch die einzelnen Schritte lotst und passende Möglichkeiten zur Entlastung aufzeigt, die man noch nicht kannte. In einer komplexen Belastungslage eine bedürfnisorientierte und passgenaue Unterstützung für Familien zu ermöglichen, ist eine der zentralen Aufgaben einer Babylotsin.

 

Kontaktaufnahme

Durch die MFA in der Kinderarztpraxis

Aufträge an die Babylotsin

  • Ferienbetreuung der Geschwisterkinder
  • Alltagsentlastung für die Mutter
  • Suche nach einem Therapieplatz
  • Vermitteln eines dauerhaften Ansprechpartners bei sozialrechtlichen Fragestellungen
  • Stärkung der Mutter-Kind-Bindung


    Beteiligte/Überleitungen
     
    • Elternschule, Hand in Hand
    • Familienteam
    • Arche als Anbieter von Ferienbetreuung
    • Träger Leben mit Behinderungen
    • Gesundheitskiosk als Unterstützung beim Antrag auf eine Kur
    • Psychotherapeuten in Hamburg
    • AWO als Anbieter sozialrechtlicher Fragestellungen

Falldauer
sechs Monate

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