Keine Sprache - keine Hilfe?

Der vorliegende Fall verdeutlicht, dass mangelnde Sprachkenntnisse bei Geburt eines Kindes schnell zu einem scheinbar unüberwindbaren Berg an ungeklärten Fragen und Problemen führen können.

Kontaktaufnahme
Eine Schwester berichtet der Babylotsin von einem Paar, dessen kurz zuvor geborener Sohn unter Beatmung und mit Magensonde auf der Neonatologischen Station liegt, weil er zu früh auf die Welt gekommen war. Die Eltern sind verängstigt durch die ungeklärte gesundheitliche Entwicklung ihres Sohns und zeigen sich unsicher beim Ausfüllen der notwendigen Unterlagen für die Ausstellung der Geburtsurkunde.

Ausgangslage
Die Familie befindet sich in einer schon länger vorliegenden Ausnahme- und damit lang anhaltender Überlastungssituation. Die finanzielle Ausstattung ist sehr dürftig, die Risikoschwangerschaft hatte die Mutter über Monate ans Bett gefesselt und damit sozial isoliert. Voraus gegangen waren drei vorzeitig beendete Frühschwangerschaften. Wegen der damit verbundenen Ängste und dem vorzeitigen, traumatisierenden Notkaiserschnitt, zu dem der Vater nicht mehr rechtzeitig eintreffen konnte, gibt es keine Erstausstattung. Auch eine Hebamme ist noch nicht installiert. Sprachliche Defizite erschweren die notwendigen Behördengänge und die Informationsbeschaffung über mögliche Hilfsangebote. Insgesamt ist die Familie damit überfordert, die anstehenden Aufgaben zu ordnen und zu bearbeiten, zeigt sich aber im Gespräch mit der Babylotsin als sehr offen und kooperativ.

Soziales Umfeld
Die Mutter der Kindsmutter lebt in Deutschland, ist aber selber sehr krank. Es gibt eine Schwester, die mit ihrer Familie ebenfalls in Hamburg lebt und der Familie trotzt eigener Finanzknappheit Möbel schenkt und Geld leiht.

Hilfebedarf
Die grundlegende Aufgabe der Babylotsin ist es in diesem Fall, den Berg an Fragen und Aufgaben zu erfassen, gemeinsam mit der Familie zu sortieren und Schritt für Schritt zu bearbeiten. Ganz konkret geht es zunächst darum, eine Hebamme und einen in der Nähe gelegenen Kinderarzt ausfindig zu machen, eine Erstausstattung zu organisieren und die Ansprüche der Familie gegenüber verschiedenen Stellen zu klären, beispielsweise die Frage der Elternzeit gegenüber den Arbeitgebern.

Beratung/Vermittlung
Während die Eltern aufgrund ihrer schlechten Deutschkenntnisse große Hemmungen davor haben, Telefonate zu führen, sind sie gegenüber der Babylotsin sehr aufgeschlossen und nehmen ihre Unterstützung und Beratung gern an. Daher erarbeitet die Babylotsin zusammen mit den Eltern zunächst einen Plan mit zu erledigenden Aufgaben, die die Eltern soweit möglich selbständig und in enger Abstimmung mit der Babylotsin bewältigen. In einem zeitlich engen Kontakt (alle zwei Tage telefonisch oder persönlich) erarbeitet sich die Familie so Schritt für Schritt die verschiedenen Unterlagen für Geburtsurkunde, Eltern-
und Kindergeldantrag, Krankenkasse, Wohngeld und Kinderzuschlag.

Da das selbständige Finden einer Hebamme anhand einer ausgehändigten Adressliste nicht klappt, lässt die Babylotsin ihre Kontakte spielen und trägt damit zu einer wesentlichen Entlastung der Mutter bei. Die in der Klinik geäußerten Befürchtungen, das eigene Kind zu Hause auch aufgrund der eigenen schlechten Gesundheit nicht angemessen versorgen zu können, verflüchtigen sich dadurch rasch. Den Vorschlag, eine Beratung bezüglich finanzieller Hilfen im Familienplanungszentrum wahrzunehmen, greifen die Eltern gern auf. Bei einem abschließenden Hausbesuch zeigt sich, dass die übergroßen Ängste der Eltern gewichen sind und der Umgang mit dem Kind sicher und von großer Herzlichkeit geprägt ist. Damit ist die Aufgabe der Babylotsin, verbunden mit dem Angebot, bei Problemen erneut Kontakt aufzunehmen, beendet.

Fazit
Familien mit Migrationshintergrund und mangelnden Deutschkenntnissen vermeiden Anrufe bei fremden Personen (Behörden) und können so viele Angebote nicht wahrnehmen. Es ist wichtig, die Ressourcen der Familie zu erkennen und sie in die Bearbeitung ihrer Aufgaben einzubeziehen, anstatt sie einfach „zu bedienen“. Um das richtige Verhältnis von Unterstützung und Anleitung zu finden, ist viel Einfühlungsvermögen, Verständnis und Empathie nötig.

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Der Fall kompakt

 

Kontaktaufnahme
• Vermittlung durch Stationsschwester

Aufträge an die Babylotsin
• Hebammensuche
• Kinderarztsuche
• Behördenformulare: Geburtsurkunde, Kindergeld, Elterngeld,
Krankenkasse, Wohngeld
• Organisation einer Erstausstattung
• Mutterschutz/Elternzeit mit Arbeitgebern klären
• Krankenkasse kontaktieren Prioritätenliste erstellen
• Zusätzliche Unterstützung für finanzielle Probleme ermitteln
• Abbau von Ängsten durch Überforderung

Beteiligte/Überleitungen

• Hebamme
• Familienplanungszentrum

Falldauer
9 Wochen